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Donnerstag 03.10.2013

Situation zwischen der Fanszene von Eintracht Braunschweig und UB01

Aufarbeitung der Ereignisse seit dem Jahr 2006

Am 20. September 2013 hat Eintracht Braunschweig der Gruppe „Ultras Braunschweig“ – im Folgenden „UB01“ genannt – untersagt, Spiele von Eintracht Braunschweig als Gruppe zu besuchen. Aufgrund der darauf folgenden kritischen Berichterstattung in einigen Medien hat Eintracht Braunschweig die Entscheidung getroffen, ausführlich darzustellen, welche Hintergründe und Entwicklungen zu dieser Entscheidung geführt haben

Zur Erläuterung der Situation zwischen der Gruppierung UB01 und der restlichen Fanszene muss zwingend ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden.

2006

Die ursprünglichen Auseinandersetzungen zwischen der Fanszene von Eintracht Braunschweig und UB01 haben im Jahr 2006 begonnen und haben einen völlig unpolitischen Ursprung. Sie sind aus der Situation entstanden, dass UB01 als erste Ultra-Gruppierung in Braunschweig eine Vorreiterrolle in der Kurve übernehmen wollte und wiederholt Ihren „elitären Anspruch“ in der Fankurve artikulierte, womit die restlichen – zum Teil alteingesessenen – Fangruppierungen nicht einverstanden waren.

UB01 schreckte selbst bei Ansichten über Gesangsstile und über den Einsatz von Fanmaterialien nicht davor zurück, diese auch mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Auch das Zeigen des Hitlergrußes einiger Mitglieder, der Verkauf von Thor-Steinar-Kleidung und der von UB01 initiierte Platzsturm bei einem Spiel der zweiten Mannschaft gegen Hannover 96, bei dem u.a. Spieler der Gastmannschaft gejagt und körperlich attackiert wurden, sind in dieser Zeit UB01 zuzuschreiben.

Saison 2007/2008

In der Saison 2007/2008 gab es weitere Auseinandersetzungen, da die Gruppe UB01 Lieder gegen den Support der restlichen Kurve gesungen hat, die Kurve im eigenen Fanmagazin „Sonnenaufgang“ als „Atzen und Asoziale“ bezeichnete und ihren eigenen Führungsanspruch durch die Formulierung „UB01 ist die Elite der Fanszene“ artikulierte.

Wiederholt setzte die Gruppe UB01 bei verschiedenen Heim- und Auswärtsspielen ihren eigenen Führungsanspruch in der Kurve (z.B. Positionierung im Block, Aufhängen von Bannern, Schwenken von Fahnen) durch Androhung von Gewalt gegen normale Fans durch. Bei einigen Spielen kam es zu Übergriffen und ersten körperlichen Auseinandersetzungen.  

Die Gruppe wurde zu diesem Zeitpunkt bereits grundsätzlich von der gesamten Fanszene abgelehnt.

Saison 2008/2009

Im Jahr 2008 formierte sich die Fanszene (organisierte und nicht organisierte Gruppen) geschlossen gegen UB01 und forderte, dass es aufgrund ihres aggressiven Verhaltens für sie keinen Platz in der (Süd-)Kurve geben darf. Daraufhin stellte UB01 dem Verein ein Ultimatum mit der Auflage, bis zum Start der Saison 2008/2009 einen eigenen Bereich in der Nordkurve zu erhalten.

Zu Saisonbeginn 2008/2009 entschloss sich Eintracht Braunschweig aus Sicherheits- und organisatorischen Gründen in Abstimmung mit dem DFB dazu, den geforderten Block nicht für UB01 freizugeben. Daraufhin veranstalteten vor dem Spiel gegen Erfurt ca. 120 Personen von UB01 eine Sitzblockade am Marathontor zwischen der Gegengeraden und der Nordkurve. Kurz vor der Halbzeit bewegte die Gruppe sich zur Haupttribüne, um diese zu stürmen. Zugleich wurden der Geschäftsführer und der Sicherheitsbeauftragte von Eintracht lautstark im Chor als ‚Söhne von Huren‘ bezeichnet. Es erfolgte ein Zugriff durch Ordnungsdienst und Polizei, und es wurden im Nachgang über 100 Stadion- und Hausverbote ausgesprochen. In der Folge wurde ein hauptamtlicher Mitarbeiter des Braunschweiger Fanprojektes von UB01-Mitgliedern körperlich angegriffen und ins Gesicht geschlagen.

Nach der Aussprache der Stadionverbote machte Eintracht Braunschweig trotz der beschriebenen Vorfälle insbesondere den jüngeren Mitgliedern von UB01 das Angebot, bei der Fanarbeit des Fanprojekts Braunschweig mitzuhelfen. Denjenigen, die dem nachkommen würden, wurde in Aussicht gestellt, das Stadionverbot mit sofortiger Wirkung auszusetzen. UB01 übte daraufhin unter Gewaltandrohung Druck auf ihre Mitglieder aus, dieses Angebot nicht anzunehmen.

In den folgenden Monaten hielt sich UB01 bei Spielen vor dem Stadion auf, verfolgte nach den Spielen regelmäßig einzelne Fanklubs und Personen und übte Gewalt gegen diese aus. Die restliche Fanszene rückte noch enger gegen UB01 zusammen und formulierte gegenüber UB01 die deutliche Ansage, keine weiteren Übergriffe der Gruppe zu tolerieren. In der folgenden Zeit zerfiel UB01, und eine Minderheit – bestehend aus Teilen des harten Kerns – schloss sich scheinbar der Antifa-Szene an. Wenig später wurde das Fanprojekt ohne jede Grundlage als „rechtstendierend“ diffamiert.

2009 bis 2012

Während dieser Zeit trat UB01 an den Verein heran und bat um Gespräche, die auch in unregelmäßigen Abständen geführt wurden. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Gruppe nur noch aus wenigen ehemaligen Mitgliedern und hatte schon seit einiger Zeit nichts mehr mit einem klassischen Fanclub oder einer fußballorientierten Ultrabewegung zu tun. Vielmehr war zunehmend eine eindeutige und ausschließlich politische Motivation zu erkennen.

Oktober 2012

Anfang Oktober 2012 erschien die „Kurvenlage“, begleitet von gezielt platzierter Medienarbeit. Zum Heimspiel von Eintracht Braunschweig gegen den VfL Bochum am 6. Oktober 2012 erfolgte der unangemeldete Stadionbesuch von UB01 in der Nordkurve mit Unterstützung von zum Teil fußballfremden Personen sowie Anhängern anderer Vereine. UB01 hängte ein Banner mit der Aufschrift "Ultras Curva Nord" auf.

Die "Kurvenlage" (ohne einen real existierenden Verfasser) besteht zu rund 80 Prozent aus Schilderungen der Ereignisse aus den 80er und 90er Jahren. Die Vorwürfe gegen rechtsorientierte Kreise in der Eintracht-Szene reduzieren sich auf wenige Personen, die immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen genannt werden. Diese sind sowohl Eintracht als auch der Polizei und dem Staatsschutz bekannt und wurden über einen langen Zeitraum beobachtet, halten sich jedoch entweder seit Jahren nicht mehr im Stadion auf oder werden dort nicht straf- und auffällig. Die gesamte Fanszene hat die „Kurvenlage“ als Affront und als kollektive Beschuldigung, „rechts“ zu sein, empfunden. Die durch die aufgeheizte Situation entstandenen Wortgefechte, die nicht politisch motiviert, sondern aus der Vergangenheit heraus geäußert wurden, wurden erneut gezielt von UB01 an Medienvertreter geschickt.

Saison 2012/2013

Nach Veröffentlichung der "Kurvenlage" haben zahlreiche Treffen zwischen UB01 mit Verantwortlichen von Eintracht Braunschweig sowie mit dem FanRat und dem Fanprojekt Braunschweig stattgefunden, bei denen wiederholt klare Vorgaben und Anregungen durch den Verein gemacht wurden, um den Konflikt mit der Fanszene zu lösen und die Situation zu deeskalieren. Mehrere dieser Vorgaben, bzw. einvernehmlichen Absprachen wurden im Folgenden durch die Gruppe UB01 nicht eingehalten oder aber umgangen. Unter anderem gab es die von UB01 akzeptierte Anordnung, bei den Heimspielen nicht als Gruppe in der Südkurve aufzutreten und nach Anmeldung und Rücksprache mit der Fanbetreuung auch auswärts Plätze im Sitzplatzbereich einzunehmen. Die erneute Aufforderung seitens der Eintracht zur Aussprache mit der Szene wurde von UB01 ignoriert, eine „Rückkehr“ in die Kurve war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich.

In der Folge missachtete UB01 weitere Absprachen, beispielsweise wurden bei Auswärtsspielen ohne Rücksprache mit dem Verein Ticketbestellungen bei anderen Bundesligisten aufgegeben.

Vorfälle Mönchengladbach, 20. September 2013

Vor dem Auswärtsspiel von Eintracht Braunschweig gegen Borussia Mönchengladbach am 20. September 2013 informierte UB01 die Fanbetreuung darüber, dass sie das Spiel besuchen würden. Vor Ort wurde dann deutlich, dass die Anordnung, als Gruppe nicht im Eintracht-Stehfanblock zu erscheinen, missachtet wurde. Die Gruppe weigerte sich, den Stehplatzbereich zu verlassen und in den Gästesitzplatzblock zu wechseln, obwohl sie über einen Zeitraum von über 30 Minuten sowohl vom Fanbeauftragten des Vereins als auch vom zuständigen Leiter des Gladbacher Ordnungsdienstes mehrmals dazu aufgefordert wurde. Als sich ca. 40 Ordner im Block einfanden, um die Gruppe in den Sitzplatzbereich zu begleiten, provozierten mehrere Mitglieder von UB01 umstehende Eintracht-Fans mit den Worten: „Los, haut zu“ oder „Kommt, schlagt uns in die Fresse“. Einzelne Besucher des Spiels reagierten mit unakzeptablen und nicht tolerierbaren radikalen Äußerungen und gewaltandrohenden Handlungen gegenüber UB01. Grundsätzlich war eine Ablehnung von UB01 durch alle Altersklassen und Fangruppierungen deutlich zu spüren. Unter anderem äußerte sich dies beim Rausführen der Gruppe in den Sitzplatzblock, als der gesamte Eintrachtblock „Wir sind Braunschweiger und ihr nicht“ skandierte.

Dass die Äußerungen und Handlungen gegenüber UB01 ebenfalls nicht akzeptabel sind, ist seitens Eintracht klargestellt worden. Eintracht Braunschweig bekräftigt noch einmal: Jede Person, die bezüglich (rechts-)radikaler Äußerungen oder gewalttätiger Handlungen überführt werden kann, erhält ein Stadionverbot und wird juristisch verfolgt. Die Bilder der Überwachungskameras aus Mönchengladbach werden von der Polizei ausgewertet.

23. September 2013

UB01 kündigt gegenüber der Fanbetreuung der Eintracht an, mit 45 Personen zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am 29. September 2013 in Block 5 in der Südkurve zu stehen. Diese erneute Missachtung der Anordnung führte dazu, dass der Verein – aus Sicherheits- und organisatorischen Gründen – UB01 ein Verbot erteilte, als Gruppe bei Spielen von Eintracht Braunschweig zu erscheinen.

Wie geht es weiter?

Einzelne Mitglieder von UB01 dürfen die Spiele auch weiterhin besuchen.

Parallel dazu, dass UB01 die Information erhalten hat, nicht mehr als Gruppe bei Spielen von Eintracht Braunschweig auftreten zu dürfen, wurden intensive Gespräche mit der gesamten (organisierten und nicht-organisierten) Fanszene geführt. Sie alle, insbesondere die von UB01 angeprangerten Gruppierungen, wurden vom Verein dazu aufgefordert, sich klar und unmissverständlich im Sinne der Vereinsphilosophie gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu positionieren. Die Stellungnahmen können ab sofort unter www.fanpresse.de eingesehen werden und zeigen – wie schon beim Spiel gegen den VfB Stuttgart – die breite Ablehnung von jedwedem rechten Gedankengut.

Eintracht Braunschweig ist sich bewusst, dass es unter den Zuschauern einzelne Personen gibt, die sich gewaltbereit zeigen und mitunter verfassungswidrig handeln. Der Verein hat mehrfach deutlich kommuniziert, dass diese Personen nicht akzeptiert werden und hat auch in der Vergangenheit schon entsprechend reagiert. Beispielsweise wurden im Anschluss an die ausführlichen Ermittlungen durch eine Sonderkommission der Polizei zu den gewalttätigen Ereignissen in der Neuen Straße am Pfingstwochenende 42 Stadionverbote ausgesprochen.

Eine von rechten Hooligans dominierte und gesteuerte Kurve entspricht nicht der Wirklichkeit im Eintracht-Stadion.

Eintracht Braunschweig tritt jeglicher Erscheinungsform von Rechtsextremismus, Rassismus oder Gewalt offensiv und konsequent entgegen. Die Stadionordnung wurde dahingehend überarbeitet und aktualisiert. Die Schulungen des Ordnungsdienstes sollen intensiviert werden, um in konkreten Fällen noch besser und schneller eingreifen zu können. Sollten beispielsweise Personen antisemitische Äußerungen tätigen, werden diese dauerhaft aus dem Stadion verbannt. Im vergangenen Jahr haben neben der dauerhaften präventiven Fanarbeit im Rahmen der FanHochSchule regelmäßig Anti-Gewalt- und Anti-Rassismus-Kurse mit Braunschweiger Schülerinnen und Schulen stattgefunden. Eine enge Zusammenarbeit mit der Initiative „Show racism the red card“ besteht seit vielen Jahren.

Für 2014 ist ein Aktionsjahr für Toleranz, Respekt und Vielfalt mit zahlreichen Veranstaltungen (Filmfest, Ausstellungen, Workshops, Podiumsdiskussionen) zu den genannten Themen geplant.

 

 

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