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Mittwoch 25.03.2020

"Ohne Eintracht fehlt irgendwas"

Groundhopper Kevin "Kivi" Kunert im Interview

Eine neue fußballfreie Woche. Nicht nur in Braunschweig, fast überall auf dem Planeten ruht der Ball. Was aus der gesellschaftlichen Verantwortung und Vernuft heraus das einzig Richtige ist, sorgt trotzdem bei den blau-gelben Fans für Verdruss. Einer von ihnen ist Kevin Kunert, der alle Spiele der Eintracht live verfolgt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er sich jetzt die Zeit vertreibt, wie er die Eintracht in seinen Alltag integriert und welche ganz besondere Marke er beim letzten Heimspiel der Löwen genackt hat.

Hallo Kevin, das letzte Spiel der Eintracht liegt nun schon etwas zurück. Wie vertreibst Du Dir die fußballfreie Zeit?

Kevin Kunert: "Hallo! Tatsächlich hat es das letzte Spiel gegen Hansa Rostock etwas erträglicher gemacht, erstmal keine Eintracht-Spiele mehr zu sehen, das war ja nicht so ansehnlich (lacht). Trotzdem fällt natürlich ein beachtlicher Teil der Freizeitgestaltung weg. Momentan vertreibe ich mir die freie Zeit mit Netflix, alten Videos von der Eintracht auf YouTube und den sozialen Medien. Irgendjemand anderes hat derzeit immer Langeweile. Darüber hinaus bleibt jetzt etwas Zeit um für den Podcast 'Eintracht Lebenslang' Sonderfolgen aufzunehmen."

Bist Du selber durch die aktuelle, sich sehr dynamisch Situation entwickelnde eingeschränkt?

Kunert: "Ich arbeite in einer Geschäftsstelle eines regionalen Versicherers. Um uns und unsere Kunden zu schützen, sind wir derzeit für den persönlichen Kundenverkehr geschlossen. Wir arbeiten also hauptsächlich mit Mail und Telefon. Wie es weitergeht, wenn wir zuhause bleiben müssen, weiß ich noch nicht. Privat bleibe ich komplett in den eigenen vier Wänden, vor allem um meine Eltern zu schützen, für die eine Erkrankung am Corona-Virus deutlich schlimmer als für mich wäre."

Neulich hast du eine beeindruckende Marke geknackt. 400 Spiele der Eintracht hast Du live verfolgt. Zunächst einmal Glückwunsch, und vor allem Danke für Deine Unterstützung. Wie schaffst Du es, die Eintracht so sehr in deinen Alltag zu integrieren?

Kunert: "Genau, das war der 4:1-Sieg gegen Uerdingen, also sogar das bisher letzte Heimspiel. Ich gehe seit 2006 regelmäßig zu unserer Eintracht. Früher habe ich noch Fußball im Verein gespielt. Da wir viele Eintracht-Fans im Team waren, haben wir unsere Spiele immer passend gelegt, um ins Stadion gehen zu können. Dadurch habe ich seit 2006 nur eine Handvoll Heimspiele verpasst. Seit ich aus der Schule raus bin (2016) versuche ich auch jedes Auswärtsspiel mitzunehmen. Meine Eltern haben, genau wie ich, beide eine Heim- und Auswärtsdauerkarte, Probleme bei der Fahrgemeinschaft gibt es so schon mal nicht. Mehr Familie habe ich auch nicht, Familienfeiern stören also ebenfalls nicht. Das letzte Spiel ohne mich im Stadion war die 0:2-Niederlage gegen Pauli am 1. Oktober 2017, derzeit stehe ich bei 94 Pflichtspielen in Folge."

Neben den Spielen der Löwen besuchst du generell gerne die verschiedenen Stadien der Welt, Du bist ein Groundhopper. Welche waren für Dich bisher die eindrucksvollsten Arenen, neben dem EINTRACHT-STADION natürlich?

Kunert: "Mit die beiden besten Stadien oder 'Grounds“'sind noch gar nicht so lange her. Anfang des Jahres habe ich drei Spiele in Italien besucht, darunter Inter Mailand gegen Atalanta Bergamo und U.C. Sampdoria gegen Brescia Calcio. Das Giuseppe-Meazza-Stadion, auch San Siro genannt, sollte jedem bekannt sein. Riesengroß und erkennbar alt, da spürt man einfach die Fußballgeschichte. Unsere Sitze sind allerdings sehr platzsparend platziert gewesen, da fiel das ohnehin ungewohnte Sitzen noch schwerer.



Am nächsten Tag ging es dann ins Stadio Luigi Ferraris, zu U.C. Sampdoria, bestimmt einigen Eintrachtfans ein Begriff. Mitten im Wohngebiet und ziemlich eindrucksvoll. Nicht gerade modern, in unserer Bundesliga wohl sogar undenkbar, aber das macht es halt auch einzigartig. Freie Sitzplatzwahl für zehn Euro findet man auch selten, auch wenn es nur hinterm Tor war."

Unter welchen Bedingungen suchst Du Dir die Spiele aus, die Du Dir anschauen willst?

Kunert: "Bei Auswärtsfahrten schaue ich nach Spielen, die grob in der Nähe sind. Am Besten in Stadien, die ich noch nicht gesehen habe. Dafür nutze ich meistens eine App, die extra für das 'Groundhoppen' entwickelt wurde. Ich gucke auch sehr gerne Fußball in den niedrigen Ligen, da fühlt man sich einfach näher dran. Meistens suche ich mehrere Spiele raus und gucke welches mir am Besten gefällt. Meine Kriterien sind da Stadion, die beiden Vereine, Fanszenen und natürlich die Reisezeit."

Welche Stadien fehlen dir noch auf deiner Liste?

Kunert: "Ich würde gerne die ersten drei Ligen komplettieren. Derzeit fehlen mir dafür noch die Stadien von Mainz 05, dem 1. FC Köln, dem FC Augsburg und dem Chemnitzer FC. Die Oberliga Niedersachsen voll zu machen, ist ebenfalls ein lockeres Ziel. Außerhalb Deutschlands würde ich gerne mal längere Zeit in London verbringen, da gibt es genügend lohnenswerte Ziele."

Durch das Groundhoppen geht ein großer Teil Deiner Freizeit verloren. Was würde Dir ohne Fußball am meisten fehlen?

Kunert: "Beim Groundhoppen vor allem die Abwechslung. Überall erlebt man Fußball etwas anders. Andere Leute, andere Verpflegung, andere Teams, andere Fangesänge. Ganz plump: Ich gucke gerne Fußball. Bei der Eintracht hingegen vermisse ich viele tolle Menschen, da gibt es auch ganz verschiedene Gruppen. Die Leute, mit denen ich in Block 6 zusammenstehe, die Allesfahrer, die man bei jedem Auswärtsspiel trifft, die treuen Mitfans der Zwoten und auch viele, die ich über die Sozialen Medien kennengelernt habe.
Natürlich bleibt man irgendwie in Kontakt, aber so ganz ohne Eintracht fehlt irgendwas. Das Adrenalin, das Anfeuern im Block und auch die heisere Stimme am Tag danach."

Wie bist Du eigentlich Fan der Eintracht geworden?

Kunert: "Jeder, der sich an die tolle Saison 2006/2007 erinnern kann, weiß wohl, dass man das zu der Zeit nicht so richtig logisch erklären kann. Viele Gründe zur Eintracht zu gehen gab es damals nicht, außer die Fans. Diese Treue hat mein Interesse geweckt. Endgültig eingesogen wurde ich mit dem mehr als knappen Klassenerhalt in der Saison 2008/2009. So viel Emotionen gehen an niemandem spurlos vorbei."

Welches Spiel der Löwen ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Kunert: "Positiv das 3:1 gegen Union Berlin im Mai 2017. Richtig geile Stimmung und durch die abwechselnd blauen und gelben Blöcke sah es auch nach Eintracht pur aus. Nach dem Spiel war ich der festen Überzeugung, dass wir aufsteigen werden. Wie sollte das schon schief gehen? Tja, eins der negativen Highlights kam direkt danach. Über das Ergebnis in Bielefeld lege ich lieber den Mantel des Schweigens. Besonders anstrengend war für mich der Klassenerhalt gegen Cottbus im vergangenen Jahr, da war ich die ganze Woche davor total nervös. Das Spiel an sich hat vom Gefühl her auch 100 Jahre gedauert und die Nachspielzeit nochmal so viel. Was war das für eine Erleichterung beim Schlusspfiff!"

Wer ist eigentlich Dein Lieblingsspieler?

Kunert: "Von der jetzigen Mannschaft Benjamin Kessel, mein absoluter Lieblingsspieler ist Mirko Boland."

An Deinem Geburtstag am 20. März hätten die Löwen eigentlich gegen Bayern II im EINTRACHT-STADION spielen sollen. Wie hast Du stattdessen deinen Ehrentag verbracht?

Kunert: "Nach der Arbeit habe ich Gyros vom Stamm-Griechen geholt und zusammen mit meinen Eltern gegessen. Danach gab es dann Geschenke, besonders gefreut habe ich mich über ein großes Panoramabild vom EINTRACHT-STADION. Nachmittags haben wir dann noch selbstgemachten Käsekuchen gegessen. Abends habe ich mit einigen Kumpels dann in einem Voicechat noch lange zusammen gesessen und gequatscht. War etwas komisch und kurios, wenn man Glückwünsche quasi nur übers Telefon oder über die sozialen Medien bekommt und auch sonst eigentlich niemanden persönlich trifft."

Danke für das Interview, Kevin. Auf das wir uns bald wieder im EINTRACHT-STADION sehen!

Fotos: privat

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