"Bis zum letzten Tag genossen"

Ex-Löwe Sebastian Polter im großen Interview

Im Winter hieß es Abschied nehmen: Nach eineinhalb Jahren verließ Sebastian Polter die Löwen und wechselte ins Ausland. Der 35-Jährige suchte eine neue Herausforderung in Serbien. Bei seiner dritten Station außerhalb von Deutschland konnte sich Polti zuletzt nicht nur mehrfach in die Torschützenliste eintragen, sondern erlebte auch als Akteur auf dem Feld das besondere Belgrad-Derby. Wie sich unser ehemaliger Stürmer bei Partizan eingelebt hat und wie es ihm mit seiner neuen Rolle geht, verriet er uns im Interview.

Hi Polti, seit Mitte Januar bist du kein Spieler der Eintracht mehr, sondern stehst bei Partizan Belgrad in Serbien unter Vertrag. Wie geht’s dir aktuell? 

Sebastian Polter: “Mir geht es gesundheitlich sehr gut. Das ist immer das A und O, um überhaupt am Ende des Tages Spiele spielen nud trainieren zu können. Auch wenn ich jetzt mittlerweile 35 geworden bin, fühle ich mich echt sehr fit. Insgesamt ist es hier in Serbien auch sehr gut angelaufen. Ich habe mich direkt sehr wohlgefühlt, weil auch meine Familie innerhalb von zwei Wochen hier gewesen ist, wir eine Wohnung gefunden haben, die Kinder dann auch unmittelbar in den internationalen Kindergarten gegangen sind und sich auch sehr schnell wohl gefühlt haben. Das war für mich ein Prozess, den ich zwar bei verschiedenen Vereinen schon öfter erlebt habe, der aber auch im Ausland immer noch mal etwas Neues ist. Eine neue Kultur, ein neues Land, was man auch kennenlernen muss. Dann gibt es so eine Anpassungsphase, die aber dadurch, dass wir uns sehr schnell als Familie eingelebt haben, ganz fix vorüber war, sodass man sich wirklich auf den Fußballplatz und auf das Sportliche konzentrieren konnte.”

In einem etwas gesetzterem Fußballeralter hast du dich nochmal für einen Wechsel ins Ausland entschieden. Hand aufs Herz: Was ging dir durch den Kopf, als du von der Anfrage aus Serbien hörtest?

Polter: “Erstmal hab ich es nicht geglaubt. Ich war schon mal 2016 hier beim Belgrad-Derby und habe mir das Spiel angeschaut, weil mein Berater selbst Serbe und Partizan-Fan ist. Trotzdem habe ich es selbst erstmal nicht geglaubt. Als er das Angebot dann aber wirklich noch zwei, dreimal erwähnt hat, habe ich mich dann schon auch gemeinsam mit meiner Familie ernsthaft damit auseinandergesetzt. Will man jetzt nochmal mit 34 ins Ausland gehen und das auch erstmal nur für in Anführungsstrichen “sechs Monate”. Klar, mit einer Klausel drin, dass sich mein Vertrag auch verlängern kann, aber möchtest du das machen? Möchtest du die Familie dorthin bringen, jetzt nochmal umziehen, eventuell nach sechs Monaten dann wieder zurückziehen, wieder nach Deutschland kommen und woanders hingehen? Wir waren uns aber eigentlich als Familie relativ schnell einig, das machen zu wollen. Das Sportliche war für mich einfach der Reiz, wirklich nochmal in einer neuen Liga zu spielen, nochmal eine Erfahrung mehr in meiner Vita zu haben, die mich sicherlich nach der Karriere auch voranbringen wird, weil ich diesem Sport treu bleiben möchte. Da war zudem auch dieser Reiz, bei so einem historisch großen Club in Europa auch wirklich nochmal um die Meisterschaft mitspielen zu können. Wir waren im Winter ja sogar Erster. Das ist auch nochmal so ein sportlicher Reiz, bei dem du sagst: “Ui, da kannst du nochmal Meister werden in einer ausländischen Liga.” Jetzt bin ich der erste Deutsche bei Partizan nach Lothar Matthäus, der hier mal Trainer war. Zusammenfassend sind es dann all diese Dinge gewesen, bei denen ich mir gedacht habe, das ist alles so positiv, ich möchte das machen.”

Partizan ist ein Traditionsverein und neben Roter Stern der wohl bekannteste Klub im Land. War es auch der Name und die Geschichte des Vereins, der den Ausschlag gab, das Abenteuer einzugehen?

Polter: “Ich glaube, in erster Linie war es schon der der Anreiz, hier in der Liga Meister zu werden und das auch in meine Vita eintragen zu können. Ich hatte in meiner Karriere nie die Chance, um eine Meisterschaft zu spielen. Bei mir ging es immer um Klassenerhalte und darum, diese Werte zu verkörpern. Und jetzt dann mal auch im Ausland nochmal eine andere Perspektive zu sammeln und um die Meisterschaft zu spielen, das war schon der erste Anreiz. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, seitdem ich hier bin, hat sich das ein bisschen gewandelt. Es stand dann eher im Vordergrund bei diesem unfassbaren Belgrad-Derby auf dem Platz zu stehen, welches einfach auf der Welt mit zu den größten gehört. Dieses Duell durfte ich nun auch wirklich selbst kennenlernen. Auf dem Platz zu erleben, wie absurd die Stimmung ist und was das Ganze drumherum angeht, also das ist auch mit Deutschland nicht zu vergleichen. Ich bin einfach jemand, der eine Challenge sucht und die war hier von Anfang an da.”

Nach England und den Niederlanden ist Serbien Station Nummer drei außerhalb Deutschlands. Kann man die Stationen miteinander vergleichen und was macht Serbien vielleicht auch einen tick spezieller?

Polter: “Vergleichen kannst du die Auslandsstation nie. Es gibt zwar immer Parallelen, aber du kannst es nicht komplett vergleichen. Ich glaube, wir in Deutschland sind sehr strukturiert. Alles ist immer getaktet und alles muss geradlinig laufen. Alles ist vorgegeben. Das ist in den Ländern wie in England oder auch in der Niederlande und jetzt hier in Serbien nicht so. Die Kultur ist einfach anders, ein bisschen breit gefächerter. Man lässt mehr Spielraum für andere Dinge. Die Liga kann man mit der Bundesliga sicherlich auch nicht vergleichen. Aber uns als Verein oder auch Roter Stern, die würden sicherlich irgendwo im Abstiegskampf zwischen erster Liga und Aufstiegskampf in der 2. Bundesliga schweben. Sonst ist das aber nicht wirklich vergleichbar.”

Dann erzähl doch mal, wie war dein erstes Belgrad-Derby als Spieler für dich?

Polter: “Ich bin sehr stolz darauf, in Deutschland sehr viele Derbys gespielt zu haben, ob das jetzt das Niedersachsen-Derby war, das Revierderby, das Frankenderby oder auch das Berliner Derby. So war es jetzt dann auch mal sehr besonders, so ein Derby hier in Serbien zu erleben. Was ich vorweg sagen muss, in Deutschland wäre das Spiel so nicht zu Ende gegangen. Wahrscheinlich wäre das Spiel auch gar nicht angepfiffen worden. Es war eine geile und aufgeheizte Stimmung auf den Rängen. Jeder Fan, der im Stadion war, ist so richtig mitgegangen. In all den Derbys, die ich in Deutschland gespielt habe, habe ich sowas noch nicht erlebt. Auch wenn jedes Derby in Deutschland auf seine Art und Weise speziell ist, war das vom ganzen Drumherum her das Non plus Ultra. Jeder, der wirklich Fußballfan ist, sollte sich das mal antun. Einfach hierher fliegen und sich das Spiel anschauen.”

In neun Spielen standest du auf dem Platz und erzieltest dabei zwei Tore – darunter auch ein feines Hackentor vergangene Woche. Wie würdest du deine Rolle im Team beschreiben und wie bewertest du die Zeit bisher – rein sportlich?

Polter: “Ich bin klar hierher gekommen, um denjenigen, der gespielt hat, auf der Position zu unterstützen. Einfach versuchen, ihn durch den Konkurrenzkampf stärker zu machen. Ich muss sagen, dass ich auch genau die Rolle so eingenommen habe. Ich habe auch so sehr viel Spielzeit gehabt, obwohl ich mir natürlich immer mehr wünsche. Da gebe ich mich nie zufrieden. Aber wenn ich jetzt mal nur die vergangenen drei Spiele nehme, habe ich in den drei Partien zwei Tore gemacht. Man kann sagen, dass da gerade so ein kleiner Pfeil nach oben geht, was die Spielzeit, aber auch die Tore und Vorlagen angeht. Von daher sage ich, sportlich gesehen, was mich persönlich betrifft, sind meine Erwartungen erreicht worden. Sicherlich aber ebenfalls nicht übertroffen, weil ich nicht mehr gespielt habe, als ich mir wünsche. Ich bin hierhergekommen, da waren wir als Klub Tabellenführer. Mittlerweile sind wir leider einige Punkte hinter Roter Stern. Als Mannschaft, als Verein, hatten wir eine schlechtere Periode. Derzeit werden wir aber wieder strukturierter im Fußball, zeigen wieder mehr Leistung, auch wenn es noch nicht unbedingt in Punkte umgemünzt werden konnte. Wir hoffen, dass wir jetzt eine gute Playoff-Runde spielen, um dann am Ende den zweiten Platz auch wirklich festigen zu können, was sehr wichtig wäre, damit der Verein nächste Saison in die Europa League-Qualifikation geht.”

Wir haben dich als durch und durch Familienmensch kennengelernt. Wie hat Familie Polter das Zusammenleben in Serbien geregelt? 

Polter: “Meine Frau ist damals zwei Wochen später als ich nach Serbien gekommen. Wir haben alles zusammengepackt und in den Autos die Kofferräume voll gemacht. Dann sind wir mit beiden Fahrzeugen hier rüber gefahren. Ich glaube, innerhalb von 12 Stunden sind wir hier gewesen. Die Kinder sind dann eine Woche später schon in den internationalen Kindergarten gegangen. Den Kids tut das auch richtig gut. Also mein Größerer spricht jetzt sogar schon relativ viel Englisch. Als Eltern ist das schön zu sehen, dass sie jetzt gerade eine zweite Sprache lernen und eine neue Kultur erkunden, auch wenn sie da in ihrer Kindheit vielleicht nicht ganz so viel von mitkriegen. Das ist schon was ganz Schönes. Wir sehen uns alle jeden Tag und wohnen zusammen hier. Meine Frau geht regelmäßig zum Pilates, hat da auch Spaß und fühlt sich hier zuhause, was auch wichtig ist. So kann ich mit freien Gedanken zum Training gehen, weil ich weiß, dass meine Familie sich hier wohl fühlt und dass wir es nicht bereuen, hierher gegangen zu sein. Das tun wir definitiv nicht.”

Wie möchten natürlich mit dir auch nochmal über deine Zeit bei der Eintracht sprechen. Anderthalb Jahre hast du unser Trikot getragen. Wie fällt dein Fazit aus – mit allen Höhen und Tiefen hier in der Löwenstadt? Was bleibt wirklich hängen? 

Polter: “Ich habe ganz viele tolle Menschen auf und neben dem Platz kennengelernt. Es waren sehr viele klasse Charaktere in der Mannschaft. Ob das letztes Jahr mit einer sehr erfahrenen, älteren Truppe war, gemeinsam mit Ermin, mit Jannis, mit Robin und so weiter, oder auch dieses Jahr mit den jungen Spielern. Da haben wir einfach wirklich hungrige Jungs in der Mannschaft, die absolut lernen wollen und vor allen Dingen mich als Person auch immer mit Respekt behandelt haben. Da geht es nicht darum, dass ich vielleicht viele Bundesliga-Spiele habe, sondern sie haben einfach mich als Menschen sehr wertgeschätzt. Meinen Teamkollegen bin ich total dankbar. Darüber hinaus hatte ich auch noch mit Daniel Scherning, mit Marc Pfitzner, aber auch mit Marcel Goslar Trainer, die mich auch als Mensch nochmal weitergebracht haben. Dazu kamen auch noch viele tolle Menschen, die ich unter den Mitarbeitern oder im Umfeld des Vereins kennengelernt habe, die alles für die Eintracht tun - immer mit einem Lachen und die alles nicht ganz so eng sehen. Daher bin ich sehr dankbar und stolz, dass ich diesen Schritt damals mit voller Überzeugung gemacht und bis zum letzten Tag auch wirklich genossen habe. Ein Dankeschön geht auch an Benny Kessel, der mich damals nach Braunschweig geholt hat und dank dem ich so nochmal für einen Verein spielen durfte, bei dem ich schon in der Jugend die Schuhe geschnürt habe. Dass ich natürlich in der Zeit sportlich gesehen liebend gern mehr Impact gehabt hätte, ist natürlich ein Punkt, aber ich glaube, dass ich der Mannschaft vor allem in schwierigen Phasen menschlich weiterhelfen konnte. Sei es nun in den Relegationsspielen oder in vielen Kabinengesprächen mit den Jungs jetzt in der laufenden Saison, ohne sich selbst dabei zu wichtig zu nehmen. Ich habe mich immer dem Teamerfolg unterstellt. Fabio Kaufmann und ich hatten in der Hinrunde keinen so guten Stand mit wenig Spielzeit, aber wir haben uns immer gesagt, dass wir bei uns bleiben. Wir wollen das weiter durchziehen, wie wir charakterlich und menschlich sind und uns nicht verändern. Und ich kann am Ende sagen, ich habe mich nicht verändert. Deswegen habe ich ganz viel mitgenommen und gucke auch immer wieder gerne zurück nach Braunschweig oder verfolge die Spiele, so wie am Sonntag gegen Bochum, soweit es geht. Außerdem bin ich ja auch noch in Kontakt mit vielen Spielern oder Verantwortlichen.”

Abschließend: Bei uns in der Pressestelle kamen regelmäßig Interviewanfragen für dich an, wenn das Spiel gegen die Hertha und deinen besten Freund Toni Leistner anstand. Und nun erlauben wir uns dazu einfach auch mal eine Frage, nachdem wir diverse Medienanfragen koordinierten und ermöglichten. Am Sonntag kommt die Alte Dame nach Braunschweig. Wem drückst du am Sonntag die Daumen: Deinem Ex-Verein und Ex-Team oder deinem Freund fürs Leben? 

Polter: “Gute Frage. Ich bleibe da mal sehr diplomatisch. Also ich weiß, wie Toni ist. Er tickt innerlich so, dass er immer noch mit einem kleinen Auge nach oben schaut. Auch, wenn die Hertha am Wochenende verloren und leider den Anschluss an die vorderen Plätze nicht so ganz halten konnte. Da wünsche ich natürlich auch Toni maximalen Erfolg. Ich möchte aber einfach, dass die Eintracht in der Liga bleibt und deswegen wünsche ich der Mannschaft am Wochenende einen Heimsieg gegen die Hertha. Ich weiß ja noch, wie das letzte Heimspiel gegen die Berliner aussah und da möchte ich, dass die Fans für das Duell damals nochmal eine kleine Wiedergutmachung bekommen. Es wären wichtige drei Punkte für den Klassenerhalt, weil es auch darauf ankommen wird, dass man vor allen Dingen jetzt die Heimspiele gewinnt, damit die Eintracht auch am Ende über dem Strich steht.”

Foto: DFL/Getty Images/Oliver Hardt