Understatement auf Hessisch

Der SV Darmstadt 98 in der Vorschau

Konstant, selbstbewusst und mannschaftlich geschlossen präsentiert sich der SV Darmstadt 98 in dieser Saison in starker Form. Statt großer Ankündigungen setzen die Lilien auf Disziplin, Entwicklung und klare Strukturen - mit sichtbarem Erfolg. Eine lange Serie ohne Niederlage und die treffsichere Offensive machen deutlich, welch anspruchsvolle Aufgabe auf die Mannschaft von Heiner Backhaus wartet.

Wissenswertes

  • Comeback-Könige: Nach dem in der vergangenen Woche noch die Vizekönige aus Bielefeld auf die Blau-Gelben warteten, stehen nun die Könige in dieser Disziplin bereit. 14 Punkte sicherte man sich bisher trotz eines Rückstandes. Das ist zahlenmäßig der Top-Wert in der 2. Bundesliga.
  • Remis-Könige: Mit acht Unentschieden führen die Südhessen die Tabelle an und zählen trotzdem zu den Aufstiegskandidaten. Das sind derzeit fast so viele Remis wie in der gesamten Vorsaison (9). Nur Arminia Bielefeld gelang es in der Spielzeit 2019/20 in der Drei-Punkte-Ära als Meister mit den meisten Unentschieden aufzusteigen.
  • Zielwasser-Könige: Nur sieben Schüsse braucht der aktuelle Tabellenführer für ein Tor, ein weiterer Top-Wert in der 2. Bundesliga. Die Eintracht steht statistisch in der aktuellen Spielzeit bei zwölf Abschlüssen pro Treffer. 

Unter Beobachtung

  • Isac Lidberg: Der schwedische Angreifer teilt sich aktuell mit Hannovers Benjamin Källman den Status als Top-Torjäger der Liga. Zwölf Buden und zwei Vorlagen ergeben starke 14 Scorerpunkte, damit beträgt sein Toranteil an den Treffern des SVD ganze 30 Prozent.
  • Fraser Hornby: Wie sein Sturmkollege ist der Schotte vorne schwer zu stoppen. Auch bei ihm stehen 14 Scorer zu Buche (acht Tore, sechs Vorlagen). Ligaweit schoss er bis dato von allen Spielern am vierthäufigsten auf das Tor (51 Abschlüsse). Auch mit seiner Körpergröße verschafft sich der 1,95 Meter große Offensivmann Platz, nur Luca Marseiler schmeißt sich teamintern in noch mehr Zweikämpfe. Manchmal agiert er dabei auch an der Grenze des Erlaubten: 34 Fouls beging er bis jetzt am Gegner, nur Erencan Yardimci wurde von beiden Teams noch mehr zurückgepfiffen (46).
  • Matej Maglica: Der Verteidiger war im Hinspiel der Joker, der den direkten Freistoß in der Nachspielzeit mit 132 km/h zum späten Siegtreffer für den SVD verwandelte. Kein anderer Schuss in dieser Saison führte mit einer derartig hohen Geschwindigkeit zu einem Treffer. Zudem ist er ein Zweikampfmonster. Von allen Spielern, die mindestens ein Drittel der laufenden Saison auf dem Platz standen, hat er mit 69,7 Prozent die beste Quote für gewonnene Zweikämpfe.

Die Lage

Mit Tiefstapeln und bemerkenswerter Konstanz steuert der SV Darmstadt 98 in dieser Saison Richtung Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Während andere Traditionsklubs offen vom Aufstieg sprechen, setzen die Lilien weiterhin auf Zurückhaltung: Spiel für Spiel, Punkt für Punkt. Mehr zählt für Cheftrainer Florian Kohfeldt nicht. Nach dem überzeugenden 4:0-Erfolg gegen den 1. FC Kaiserslautern am vergangenen Wochenende und der Rückkehr an die Tabellenspitze wirkt dieser Ansatz erfolgreicher denn je. Dabei verweist Kohfeldt den sportlichen Erfolg immer wieder von sich selbst weg. Für ihn steht die Entwicklung der Spieler im Mittelpunkt, getragen von stabilen Rahmenbedingungen und akribischer Vereinsarbeit. Große Zielvorgaben sind unerwünscht und auch Transfergerüchte der Top-Spieler bringen kaum Unruhe ans Böllenfalltor. Die Lilien lassen derzeit eben eher Taten auf dem Feld sprechen. Auf dem Platz überzeugen die Blau-Weißen nämlich vor allem durch Energie, Mentalität und mannschaftliche Geschlossenheit. Gegen Kaiserslautern kontrollierte Darmstadt die Partie über weite Strecken und ließ nach dem frühen Führungstreffer kaum Zweifel am Sieg aufkommen. Diese Stabilität ist ein zentrales Element des bisherigen Saisonverlaufs und macht das Team schwer ausrechenbar. Trotz des Tabellenplatzes und des Lobes von außen bleibt der SVD seinem Kurs treu. Das Ergebnis? Elf Zweitligapartien ohne Niederlage in Serie. Der tragende Balken dieses Erfolgs ist auch die Offensive. Die ist mit satten 40 Treffern die torgefährlichste der 2. Bundesliga und hat als Prunkstück das bereits erwähnte Duo Hornby und Lidberg parat.

Letzte Begegnung

Beim Gastspiel in Darmstadt in der Hinrunde überraschte Eintrachts Cheftrainer Heiner Backhaus mit einer taktischen Umstellung und setzte erstmals auf eine Viererkette. Die Gastgeber erwischten den etwas besseren Start, doch Torhüter Thorben Hoffmann war früh zur Stelle. Nach einer ruhigen Anfangsphase meldete sich die Eintracht offensiv an und belohnte sich in der 21. Minute: Nach einem Doppelpass mit Robin Heußer traf Mehmet Can Aydin aus der Distanz mit etwas Glück zur Führung. In einer arbeitsreichen, aber chancenarmen ersten Hälfte blieb Blau-Gelb verdient in Front. Nach dem Seitenwechsel änderte sich zunächst wenig, beide Teams hielten an ihren Formationen fest. Die Eintracht hatte durch Chris Conteh früh die große Chance auf das 2:0, scheiterte jedoch an Darmstadts Keeper Marcel Schuhen. Mit zunehmender Spieldauer wurden die Lilien druckvoller und glichen in der 61. Minute durch Isac Lidberg aus. In der Folge entwickelte sich eine offene und intensive Partie mit Möglichkeiten auf beiden Seiten. Die Entscheidung fiel in der Schlussphase: Nach einer Notbremse von Kapitän Sven Köhler sah die Eintracht die Rote Karte, den fälligen Freistoß verwandelte Matej Maglica direkt, flach und wuchtig zum 2:1 für Darmstadt. In Unterzahl gelang den Löwen in der folgenden Nachspielzeit leider keine Antwort mehr. Am Ende stand eine bittere Niederlage, bei der die Gastgeber aus Südhessen erst spät und mit personellem Vorteil den Sieg über eine kämpferische Eintracht sichern konnten.